Sich Erinern, Sich Begegnen

Wie kann man als 17 jähriger der Shoah gedenken? – Januar 2020

Im Rahmen des Programms «Mémoires croisées / Sich erinnern – sich begegnen» trafen sich Schüler verschiedener Schulen der Région Centre-Val de Loire für drei Tage in Halle/Saale (Sachsen-Anhalt) mit gleichaltrigen deutschen Schülern, um ihren eigenen Erinnerungsweg zu gestalten.

 

Vom 25. bis 27. Januar 2020 beschäftigten sich Gymnasiasten mit ihren gleichaltrigen Mitschülern aus den beiden Partnerregionen Centre-Val de Loire und Sachsen-Anhalt in Halle / Saale mit der Frage: „Wie kann heute der Opfer der Shoah gedacht und der Aufgabe, diese Erinnerung aufrecht zu erhalten, nachgekommen werden?“  Da es zunehmend weniger Zeitzeugen der Nazibarbarei gibt, ist es von größter Wichtigkeit, dass die junge Generation selber zu Akteuren der Erinnerung wird und eigene, neue Wege der Erinnerung schafft.

 

„Wie wird jeder – ausgehend von der Beschäftigung mit historischen Dokumenten – seine eigenen Worte bzw. Ausdrucksmöglichkeiten der Erinnerung finden können?“ , Christophe Losfeld

 

„ Drei Tage lang haben sich die deutschen und französischen Schüler zunächst mit Einzelschicksalen beschäftigt, um weiterführend zur Erinnerung des kollektiven Schicksals zu gelangen“ erklärt Christophe Losfeld, der Koordinator dieses Treffens. „Die leitenden Fragestellungen für die Arbeit waren: Wie kann jeder einzelne aus der Auseinandersetzung mit historischen Dokumenten heraus seinen eigenen Weg zur Erinnerung entwickeln? Wie gelangt man von der Erinnerung an ein Einzelschicksal, das exemplarischen Charakter besitzt, zu einem kollektiven Verständnis? In unseren Augen ist es unabdingbar, dass die Schüler selbst ihre Form der Erinnerung finden und nicht die Arbeit der Erwachsenen kopieren. Die Erwachsenen geben einen Rahmen vor, den die Schüler selber ausgestalten“ fährt Christophe Losfeld fort.

 

Es ist natürlich kein Zufall, dass diese drei Tage der Reflexion, Begegnung und gemeinsamen Arbeit um den 27. Januar herum stattfanden, den internationalen Holocaust-Gedenktag, an dem die ganze Welt der Befreiung des Lagers von Auschwitz-Birkenau gedenkt, in dem über eine Million Juden ums Leben kamen, die meisten von ihnen gleich nach ihrer Ankunft in den Gaskammern.

Es ist weiterhin kein Zufall, dass Halle für dieses deutsch-französische Treffen gewählt wurde: am 9. Oktober 2019 hat der 28jährige deutsche Rechtsextremist Stephan Balliet an Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, einen Anschlag auf die Synagoge von Halle unternommen, in der 52 Gläubige versammelt waren. Da er nicht in die Synagoge eindringen konnte, hat er auf der Flucht zwei Passanten erschossen.

Die Zusammenkunft gerade in dieser Stadt, die wenige Monate zuvor Zielscheibe eines antisemitischen Anschlags gewesen war, schuf eine besondere Resonanz und verstärkte die Solidarität.

Die Arbeit der deutsch-französischen Gruppen fand in den Räumlichkeiten der Gedenkstätte

„Roter Ochse“ im Zentrum Halles statt. Das Besondere an diesem Ort: die Gedenkstätte befindet sich im ehemaligen Stasi-Gefängnis, und zum Zeitpunkt des Treffens war der Attentäter vom 9. Oktober im Gefängnis von Halle inhaftiert, sozusagen direkt nebenan.

 

Begleitet von ihren deutschen und französischen Lehrern arbeiteten je 10 Schüler gemeinsam zu folgenden 5 Themen:

Zahlreiche Vertreter aus Politik, Religion und dem Bildungsbereich beider Länder waren zur Abschlusspräsentation der Arbeiten in den „Roten Ochsen“ gekommen. In ihren Grußworten betonten sie die immense Bedeutung der Kooperation und lobten die „sehr hohe“ Qualität“ der kreativen Schülerarbeiten in ihrer vielfältigen Umsetzung.

 

„Es ist wegweisend, dass Eure Generation sich nach den Kriterien fragt, die unsere gemeinsame Existenz regeln.“ Marco Tullner, Bildungsminister in Sachsen-Anhalt

 

Während des Aufenthalts in Halle haben die deutschen und französischen Jugendlichen auch die dortige Synagoge besucht, das Ziel des Attentats vom Oktober 2019. Die Einschläge der Kugeln in der Holztür, die den Zugang zur Synagoge verhinderte, beeindruckten die Schüler zutiefst. Die Besichtigung der Synagoge sowie der abschließende Gang über den angrenzenden Friedhof waren beeindruckend und sehr informativ.

 

Der 27. Januar war ebenfalls ein sehr prägender Tag für die Schüler. Zunächst erfolgte die Kranzniederlegung am Jerusalemer Platz vor den Resten der zerstörten ehemaligen Synagoge, einem der Erinnerungsorte für die von den Nationalsozialisten getöteten Juden. Der Bildungsminister des Landes Sachsen-Anhalt, Marco Tullner, war ebenfalls bei der Zeremonie anwesend und sprach seine Anerkennung der Arbeit und des Engagements der Schüler aus: „Weder Politik noch Zivilgesellschaft haben das Recht, die Augen zu schließen (…) und man wird jetzt über neue Kriterien nachdenken müssen, die unseren Alltag regeln. Es ist entscheidend, dass sich die Generation, der Ihr angehört, fragt, welche Kriterien unsere gemeinsame Existenz regeln. Und in dieser Angelegenheit bin ich Euch, den Schülern beider Länder, sehr dankbar, dass Ihr Euch an der Suche nach diesen Kriterien beteiligt, um Eure Zukunft zu gestalten. Über die Konflikte und normalen Ärgernisse in der Gesellschaft hinaus muss es einen Konsens über eine bestimmte Anzahl von Werten geben, auf denen die Würde des Menschen beruht.“

Journalisten von Rundfunk und Fernsehen sowie Reporter und Fotografen der lokalen Presse waren ebenfalls vor Ort, um die Bedeutung sowie das einzigartige Echo dieser Zeremonie zu dokumentieren.

Im Anschluss machte sich die binationale Gruppe, begleitet vom Bildungsminister, auf den Weg durch die Stadt Halle. Die Route orientierte sich an ausgewählten Stolpersteinen, wo jeweils eine Gruppe auf sehr individuelle Art das Gedenken gestaltete.

 

Es stellt sich für die französische Seite die Frage, warum in der Région Centre-Val de Loire, und hier insbesondere in Orléans und Tours, noch keine Stolpersteine verlegt wurden, zumal seit 1993 mehrere Tausend dieser Stolpersteine des Berliner Künstlers Gunter Demnig in Deutschland und anderen europäischen Ländern, darunter auch in Frankreich, verlegt wurden.

„Das ist in der Tat ein Projekt, an dem wir mit der Région arbeiten. Es geht um eine andere Art des Erinnerns. Manch einer mag es schockierend finden, dass die Steine in den öffentlichen Fußweg eingelassen sind. Man kann darin aber auch eine Weise sehen, die Erinnerung symbolisch zu markieren“ resümiert Hélène Mouchard-Zay im Namen des CERCIL. Wann wird es also Stolpersteine in Orléans oder Tours geben? Ja, wann?

(Traduction: Martina Hilgendorf-Kortmann)