Sich Erinern, Sich Begegnen

Vorstellung des Buches „Lettres de l’ombre“ (Briefe aus dem Dunkel) im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Rendez-vous de l’Histoire“, Blois, Oktober 2015

Jean-Louis Rouhart

 

Mein Thema sind die illegalen Briefe aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Dabei geht es einerseits um Briefe, die von Häftlingen geschrieben wurden, die keine Genehmigung für das Absenden von Post hatten (wie die „NN-Häftlinge“), und andererseits um Briefe, die nicht den Vorschriften für legale Post aus den Lagern entsprachen. Die große Mehrzahl dieser Briefe ist in den KZ-Gedenkstättenarchiven und in den Bibliotheken bestimmter Facheinrichtungen einsehbar. Im wesentlichen handelt es dabei um illustrierte Briefe (die manchmal zwischen verschiedenen Lagern ausgetauscht wurden), verschlüsselte Briefe (mit geheimen Nachrichten, die mit unsichtbarer Tinte geschrieben, verschlüsselt oder chiffriert wurden), „Kassiber“ (heimlich aus den Lagern geschmuggelte Briefe), Scheine, die aus den Deportationszügen geworfen wurden, und schließlich Briefe, die im Erdboden der Lager vergraben wurden (wie z. B. die Briefe, die unter den handschriftlichen Aufzeichnungen der Mitglieder des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau gefunden wurden). Ich habe die verschiedenen Arten dieser Briefe einer eingehenden Analyse hinsichtlich ihrer Form und ihres Inhalt unterzogen und ihre Funktionalität untersucht (kommunikativ, informativ, militant, therapeutisch, transzendental, philosophisch, moralisch und humanistisch). (…)

Ich stellte mir auch Fragen zum erkenntnistheoretischen Wert dieser Briefe sowie ob und in welchem Maß es sich hier um Dokumente handelt, die die historische Wirklichkeit der Lager wiedergeben können. Wenn auch die Autoren dieser Briefe nicht repräsentativ für die Gesamtheit der KZ-Insassen sind, so schildern die darin angesprochenen Themen doch durchaus die verschiedenen Aspekte des Lagerlebens. Es handelt sich hier nicht um „schöne Literatur“, die bestimmten ästhetischen Kriterien genügt, sondern vielmehr um Dokumente, die zu den authentischsten und direktesten Quellen gehören und die im Nachhinein nicht gefiltert wurden. Darüber hinaus liefern viele Briefe Informationen über den physischen und geistigen Zustand der Häftlinge und enthalten detaillierte Angaben zu bestimmten Ereignissen in den Lagern oder innerhalb der Transportwaggons. Im letzten Abschnitt unterbreitet diese Studie Vorschläge für die pädagogische Nutzung der illegalen Korrespondenz aus den Lagern.