Sich Erinern, Sich Begegnen

Geschichte und Zeitzeugenbericht: Denkwerkstatt, Blois, 10.10.2014

Bericht über die Denkwerkstatt mit André Rosenberg und Philippe Joutard, Freitag, den 10.10.2014

 

André Rosenberg, Autor des Buches „Des enfants dans la Shoah. La déportation des enfants juifs et tziganes de France“, Les Editions de Paris Max Chaleil, 2013, weist zunächst darauf hin, dass er heute nicht als Zeitzeuge, als deportiertes Kind, sondern als Philosophielehrer und Forscher auftritt, der verschiedene Quellen, Archive und Zeitzeugenberichte für eine Doktorarbeit in Geschichte über Kinder im Holocaust ausgewertet hat. Für diese Doktorarbeit, die er im November 2000 verteidigt hat, gab es drei wesentliche Gründe:

 

André Rosenberg gibt dann eine kurze Zusammenfassung der Geschichte seiner Familie: ungarische Juden, die vor der Armut geflüchtet waren und seit 1930 im Norden Frankreichs lebten, dann im Oktober 1943 verhaftet und deportiert wurden (der Vater nach Buchenwald, wo er im April 1945 starb, die Mutter und die drei Kinder nach Ravensbrück und Bergen-Belsen, wo sie im Mai 1945 befreit wurden). Er erklärt, dass die Philosophie und die Psychoanalyse sowie die deutsche Literatur ihm geholfen hätten, das Lager zu überleben und die Traumatisierung zu bewältigen. Mit einem Zitat von Brecht weist er auf die Theorie der Verfremdung hin (Missachtung und Bewältigung der Vergangenheit). Er wollte seine Doktorarbeit in Geschichte und nicht in Philosophie schreiben, um „den toten Kindern einen würdigen Platz in der Geschichte zu schaffen.“

André Rosenberg wendet sich dann dem Inhalt seiner Arbeit zu und unterstreicht zwei Punkte, die für ihn wesentlich sind:

 

Philippe Joutard stellt in seiner Einleitung den Zeitzeugenbericht als eine historische Quelle dar, wie ein im Unterricht eingesetztes Dokument, als Werkzeug für die Schüler: Zeitzeugenbericht als geschichtliches Werkzeug und pädagogisches Material. Video als Werkzeug, da direkte Zeitzeugen aussterben?

 

Von der Antike bis Voltaire: Geschichtsschreibung erfolgte auf der Grundlage mündlicher Ermittlungen und Berichte. Trennung Geschichte/mündlicher Bericht im 19. Jahrhundert als Geschichte zu einer Wissenschaft wird. Mündliche Berichte werden in den Bereich der Folklore, des Unbestimmten, des Ungenauen, des Volkstümlichen verschoben. Erneutes Auftauchen mündlicher Berichte zunächst in den USA in den 1930er Jahren (mit Allan Nevins), Vervielfachung der mündlichen Erhebungen zur Bewahrung der Erinnerungen der ehemaligen Sklaven. Erste Zentren für mündliche Geschichte, als das Tonbandgerät erfunden wird. Weiterer Ursprung der mündlichen Geschichtserfassung: Verfolgung der Schicksale von Menschen, die keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen. Vervielfachung der mündlichen Erhebungen in den 1960er und 1970er Jahren in Europa um zu erfahren, was man nicht in den Archiven findet: Wie konnten Juden in Berlin überleben? Wie konnte der Faschismus die Volksmassen gewinnen?

 

 

Beispiel der „Gerechten“, der stummen Helden: keine schriftlichen Quellen, außer bei missglückten Aktionen. Ein einfacher Widerstandskämpfer schreibt keine Memoiren. Weiteres Beispiel: Menschen, die niemals zu Wort kommen. Ihr Schicksal wurde oft durch mündliche Aufzeichnungen dokumentiert. Das Gleiche gilt für die Geschichte der Immigranten, Bauern, Arbeiter. Verschiedene Blickwinkel anwenden. Die Schriftform ist gestrafft, vereinfacht, selektiv. Hinzu kommt die Sicht des Schriftstellers, des Künstlers. Zeitzeugenbericht: Arbeit mit der Erinnerung, mit dem Prinzip des Vergessens. Für Borges stirbt ein Mensch, der sich an alles erinnert. Das Gedächtnis ist unzuverlässig, begeht Irrtümer, vergrößert die Zahlen. Der mündliche Bericht ist ein Ausdruck der Erinnerung und wird durch die Einbildungskraft gesteuert. Ganz gleich, welches soziokulturelle Niveau ein Zeitzeuge besitzt, sein Bericht folgt immer den Regeln der Rhetorik: ternärer Rhythmus, Wiederholungen usw. Der Zeitzeugenbericht muss einer historischen Kritik unterzogen werden, ohne ihn vollständig zu verwerfen. Fehler und Übertreibungen haben ihre Bedeutung. Man sollte grundsätzlich davon ausgehen, dass der Zeitzeuge aufrichtig ist und entsprechend seiner Logik bei der Wahrheit bleibt. Diese Logik muss man untersuchen. Serielle Vorgehensweise: mehrere Zeitzeugenberichte analysieren, um die wichtigen Punkte hervorzuheben. Zeitzeugen erzählen nicht DIE Wahrheit, sondern IHRE Wahrheit. Geschichte und Erinnerung: miteinander, aber nicht durcheinander. Siehe http://clio-cr.clionautes.org/histoire-et-memoires-conflits-et-alliance.html#.VFlTEsmKLyU. Man sollte das Thema bereits gut kennen, bevor man den Zeitzeugenbericht hört. Man sollte keine Frage stellen, in der die Antwort bereits enthalten ist. Vage Fragen stellen. Auch Schweigen sollte man als Antwort auf eine Frage akzeptieren. Bei mehreren Begegnungen mit dem gleichen Zeitzeugen: sehr wenig moderieren beim ersten Treffen, zuhören, Unstimmigkeiten feststellen, darauf eingehen, aber ohne zu urteilen, vorsichtige Wortwahl, damit sich der Zeitzeuge nicht begutachtet fühlt.

 

Vor der Begegnung mit dem Zeitzeugen müssen die Schüler im Unterricht auf den Stoff vorbereitet werden. Der Zeitzeugenbericht steht am Ende des Prozesses, muss eine Ausnahme bilden: der Zeitzeugenbericht und seine Fehler müssen einen Sinn haben. Bezüglich der Verbindung zwischen Geschichte und Erinnerung siehe Paul Ricoeur: Ziel der Zuverlässigkeit der Erinnerung, der Wahrheit der Geschichte. Nur der Zeitzeuge kann bestimmte Tatsachen schildern, aber die Geschichte stellt die Dinge in den großen Zusammenhang. Mit den Schülern: ein oder mehrere Zeitzeugenberichte, verschiedene kleine Auszüge, serielle Methode. Die Schüler immer darauf hinweisen, dass ein Zeitzeugenbericht nicht die historische Wahrheit beinhaltet. Schon vor der Begegnung.