Sich Erinern, Sich Begegnen

Arten des Totalitarismus und des Widerstands, Blois, 11 Oktober 2014

Agnès Arp, Moderatorin des Rundtischgesprächs, stellte die Referenten vor: Bernard BRUNETEAU, Professor der politischen Wissenschaften von der Universität Rennes, Geschichte der Ideen und der internationalen Beziehungen, Marie-Anne MATARD-BONUCCI, Expertin des italienischen Faschismus. Hélène CAMARADE, Universität Bordeaux, Expertin für germanistische Studien und die deutsche Widerstandsbewegung gegen den Nazismus. Nicolas PATIN, Universität Bordeaux, Experte für Nazideutschland.

 

Bernard Bruneteau spricht als Erster und weist auf die wichtigsten historiografischen Tendenzen des Begriffs „Totalitarismus“ hin. Er unterscheidet drei Aspekte:

 

1) Die klassische Theorie, die aus juristischen, philosophischen und politologischen Kreisen der 50er Jahre hervorging (Carl FRIEDRICH, Raymond ARON, Hannah ARENDT). Diese Theorie beinhaltet nicht den Begriff des Widerstandes, der als unmöglich angesehen wurde. Entsprechend der Theorie des Amerikaners C. Friedrich wird der Totalitarismus u. a. durch das Tandem Ideologie/Terror, die totale Kontrolle der Gesellschaft und die soziale Aufsplitterung, die den Widerstand einzelner Gruppen erschwert, gekennzeichnet. Darüber hinaus kam es unter den Bedingungen des Kalten Krieges zu einer Instrumentalisierung des Konzepts. Die Notwendigkeit der Einbindung Deutschlands in das atlantische System führte zu einer Entschuldung der deutschen Gesellschaft: Widerstand war unmöglich. Unter diesen Bedingungen konnten Aktionen nur von außen kommen, was die amerikanische Politik der Eindämmung rechtfertigt.

 

2) Historische Forschungen

  1. Zu Beginn der 70er Jahre erlebten die historischen Forschungen große Fortschritte. 1973 in Deutschland mit dem bayrischen Projekt, zwanzig Jahre später in der UdSSR mit den geheimen Polizeiberichten, die zugänglich werden.

Auf dem Gebiet der Sozialgeschichte entwickeln sich neue Forschungsfelder: Zivilgesellschaft und Widerstandserscheinungen, nicht nur politisch und mit Waffen. Die Forschungen konzentrieren sich auf die Vielfalt der verschiedenen Arten von Widerstand:

–  der „klassische“ Widerstand, politisch und militärisch: z. B. der bewaffnete Widerstand gegen die Kollektivierung in der UdSSR in den 30er Jahren, sichtbar durch die Ermordung staatlicher Vertreter.

–  Erscheinungen mehr diffuser Art von zivilem Widerstand (Arbeiten von Jacques SEMELIN).

–  Arbeiten von Alf Lüdtke (Alltagsgeschichte) und Begriff des „Eigensinns“.

 

  1. b. Hinterfragen der Intention. Diese kann wie folgt aussehen:

–  politisch: z. B. Singen der Internationale in Nazideutschland

–  ökonomisch: Streik 1932 in der UdSSR, Fernbleiben von der Arbeit (einige Historiker ordnen hier die Trunksucht ein). Das ist die „Waffe der Armen“. Bezug auf die Arbeiten von Stephen Kotkin über den Schwarzmarkt in Magnitogorsk, über das Gegenteil des „neuen Menschen“, den das Regime schaffen will. Diese Beispiele veranlassen einige Historiker, das Konzept des Totalitarismus, der bei der Kontrolle der Gesellschaft versagt, zu verwerfen. Außerdem besteht weiter die öffentliche Meinung (Sarah DAVIS), dass die Ideologie nicht in der Lage ist, die Bevölkerung zu normieren (siehe Arbeiten von Ian KERSHAW über die öffentliche Meinung in Bayern). Das Umland der Machtzentren zeigt nur geringe Gehorsamkeit, wodurch die Frage nach der Effektivität der totalitären Macht entsteht. Sheila Fitzpatrick zum Beispiel benutzt diesen Begriff sehr selten in ihren Schriften.

 

3) Das Widerstandskonzept:

  1. Es steht in Verbindung mit einer Umgebung, einer Situation. Es ist deshalb kontingent und beinhaltet unterschiedliche Intentionen. Es ist ein instabiles Konzept mit hoher Plastizität.
  2. Es stellt sich die Frage nach den Ursachen. Am häufigsten handelt es sich um Ursachen, die bei der Polizei liegen, wenn diese jegliches abtrünniges Verhalten kriminalisiert (Polizisteneifer). Im Gegensatz dazu versucht eine politische Partei diese Erscheinungen herunterzuspielen und vielmehr die Bindung des Volkes hervorzuheben. Man muss also den jeweiligen Ursachen besondere Aufmerksamkeit widmen.
  3. Die Arbeiten beziehen sich auch auf Briefe und Tagebücher, welche die Verinnerlichung der Normen zeigen.

 

Schlussfolgerung: Ambivalenz. Die verschiedenen Schriften relativieren das Konzept, ohne es zu verwerfen.

 

Das Wort erhält dann Marie-Anne MATARD-BONUCCI, Expertin des italienischen Faschismus. In ihrem Beitrag geht es um die Frage, ob der italienische Faschismus eine Art des Totalitarismus ist und welche Formen des Widerstands es gab.

 

1) Besonderheiten der italienischen Geschichte: Man spricht nicht von Widerstandskämpfern, sondern von Partisanen. Das zeigt die wichtige und strukturbildende Rolle der Parteien im Widerstand. Man sollte beachten, dass es sich im Fall von Italien um die Zeit von 1943-45 handelt, die auch als Bürgerkrieg bezeichnet wird und in der die Partisanen gegen die Soziale Republik von Salò kämpfen. In Bezug auf den vorangehenden Zeitabschnitt spricht man von Antifaschismus. Dieser Begriff wurde 1921 von Mussolini selbst erfunden, um alles zu bezeichnen, was nicht faschistisch war. Widerstand wird nicht geduldet. Der Begriff „Totalitarismus“ wurde 1923 von den Antifaschisten erfunden, um die faschistische Macht zu kennzeichnen (Kontrolle der Gesellschaft). Für Marie-Anne Matard-Bonucci ergibt sich daraus, dass die Bezeichnung als totalitäres Regime durchaus gerechtfertigt ist. Nach ihrer Meinung hat das Konzept für die Forschung eine idealtypische Dimension. Dennoch ist das totalitäre Projekt aufgrund der Existenz der Antifaschisten niemals vollständig umgesetzt worden. Trotz der sachlichen Fehler in Bezug auf den Faschismus verhelfen die Schriften von Hannah Arendt zu folgender Überlegung: Es ist ein Regime, das keine Feinde zulässt und gleichzeitig Feinde braucht, um seine Dynamik zu erhalten. Es schafft deshalb nach und nach neue Feindbilder in dem Maße, wie es alte Feinde auslöscht.

 

2) Welche sind die möglichen Formen des Widerstands? Die erste Etappe nach der Machtübernahme des Regimes verlief von 1922 bis 1925/26. Durch die allmähliche Umwandlung des Landes konnte sich die Opposition zwar strukturieren, aber nicht vereinigen (Matteotti-Krise). 1925 wurden die Einschränkungen verschärft (stark faschistisch geprägte Gesetze). Ein Teil der Oppositionellen konnte während dieser ersten Phase ins Exil gehen und im Ausland weiterleben. Organisierte Formen des Widerstands im Ausland: z. B. 1922 in Frankreich, allerdings waren die führenden Oppositionellen auch im Exil in Gefahr (z. B. Ermordung der Rosselli-Brüder). Die wichtigsten Oppositionskräfte waren die Kommunistische Partei und die Gruppe „Gerechtigkeit und Freiheit“ der Brüder Rosselli. Spektakuläre Aktionen werden vom Ausland aus organisiert: z. B. Abwurf von Flugblättern über Mailand von einem Flugzeug aus, das in der Schweiz gestartet war. In Italien selbst ist Widerstand weitaus schwieriger und nimmt zurückhaltende Formen an, wie z. B.:

– Humor, Wortspiele mit offiziellen Losungen

– Akademiker: ab 1931, sie müssen einen Eid auf das Regime leisten, 13 von 1200 weigern sich.

– Wie hat die Bevölkerung auf die Judenverfolgung ab 1938 regiert? Man kann als Beispiel Benedetto Croce anführen, ein Intellektueller, der sich weigerte den Fragebogen für arische Abstammung auszufüllen und die Werke eines Humanisten des 15. Jahrhunderts, in denen die Juden verteidigt werden, veröffentlichte. Aber der Widerstand bleibt zurückhaltend.

 

Der nächste Redner ist Nicolas PATIN, dessen geografisches Forschungsgebiet Nazideutschland ist. Seine Doktorarbeit über die deutschen Parlamentsabgeordneten wurde gerade unter dem Titel „La catastrophe allemande“ (Die deutsche Katastrophe) veröffentlicht. Er weist zunächst auf die Überbewertung bestimmter Widerstandshandlungen hin und erwähnt die von Philippe BURRIN und Henry ROUSSO beschriebenen vier Gründe für den Konsens:

– Propaganda und Fürsorge,

– Hoffnung auf wirtschaftlichen Wohlstand durch das Regime,

– starker Nationalismus,

– Hitler-Kult.

Er diskutiert dann diese vier Aspekte im Licht neuer historischer Forschungen:

–  Die Wirksamkeit der Propaganda wird von einigen Historikern in Frage gestellt. Wohlstand: Göts Aly, Streitschrift, strittig. Ein englischer Historiker schreibt, dass der Wohlstand nur mäßig funktioniert hat.

–  Kershaw : Warum gab es nicht mehr Widerstandsaktionen 1943/44, als der Sieg nicht mehr absehbar war? Seiner Meinung nach ist der Siegesnimbus von 1940 immer noch stark, und auch der Personenkult um Hitler. Dies unterscheidet sich von den Analysen von Philippe Burrin. Hinzu kommt die Kultur des Konformismus. Es gibt punktuellen Widerstand, z. B. gegen ein Wirtschaftsprojekt oder bezüglich der Entfernung der Kreuze aus den Schulen.

–  Konservative und Zentrum: unterschiedliche Positionen, unterschiedlicher Grad der Repression. Sozialisten und Kommunisten: bereits erfasst und bekannt. Man muss sich daran erinnern, dass im Juli 1933 bereits 27 000 Linksaktivisten im Gefängnis saßen. Die sozialistischen Parlamentsabgeordneten erleiden Repression, Exil oder Konzentrationslager. 203 kommunistische Abgeordnete: die Kultur der Untergrundarbeit ist in dieser Gruppe besser entwickelt. Über die Hälfte war im Ersten Weltkrieg und hat die Waffen behalten: sie nehmen an den revolutionären Umsturzversuchen in den 1920er Jahren teil. Viele gehen ins Exil (6. Dezember 1932: Die Nazis zwingen die kommunistischen Abgeordneten im Reichstag in die Knie). 75/200 werden bis 1945 getötet, manchmal von Kommunisten (z. B in der UdSSR).

 

Als letzte Rednerin spricht Hélène CAMARADE, die sich in ihrer Arbeit ebenfalls mit Nazideutschland beschäftigt. Sie unterscheidet fundamentalistischen Arten des Widerstands, die den Sturz des Regimes zum Ziel haben, und eine entwicklungsfähige Herangehensweise, die durch die Sozialgeschichte in den 70er Jahren eröffnet wurde. Letztere Art drückt sich darin aus, dass eine bestimmte anfängliche Unterstützung von Hitler sich in Richtung einer teilweisen Kritik der Ideologie entwickelt, d. h. zum Beispiel, dass diese Personen nichts gegen den Antisemitismus haben, aber gegen die Ausrottung sind. Formen des Widerstands: Streiks, Flugblätter (in den 20er Jahren von den politischen Parteien hergestellt, nach deren Verbot per Hand, siehe auch den Roman von Hans Fallada, in den 40er Jahren), Reflexionsgruppe zum Wiederaufbau Deutschlands (wird verfolgt, obwohl es nur um die Sammlung von Ideen geht, aber sie zeigt das Prinzip des Versagens des Nationalsozialismus). Man muss die individuellen und kollektiven Arten des Widerstands unterscheiden (Zum Beispiel haben die Kirchen keinen Widerstand geleistet. Aber innerhalb der Kirchen gab es bestimmte Mitglieder, die dies taten, wie Bischof von Galen oder bestimmte protestantische Dissidentengruppen). Es stellt sich die Frage, ob sie eine öffentliche Dimension hatten oder nicht. Gleichzeitig wird das Risiko größer: ein Streich, der zu Beginn dieser Zeit noch durchgeht, kann ab 1943 zum Krieg führen, weil er als Defätismus betrachtet wird. Man muss also auf den zeitlichen Ablauf achten und insbesondere zwischen der Zeit vor und nach Beginn des Krieges unterscheiden.

Hélène Camarade geht dann auf die Besonderheiten der DDR ein. Man spricht von Widerstand bis 1953 (Ende des Stalinismus) bzw. bis 1961 (Mauerbau), dann spricht man mehr von „reformistischer Opposition“. In den Jahren 1945 – 1950 sind die Formen des Widerstands Streik und Flugblätter, vor allem mit politischer und wirtschaftlicher Ausrichtung (z. B. gegen die Landwirtschaftspolitik). Nach 1956 spricht man nicht mehr von Widerstand, weil das Regime nicht weiter als totalitär betrachtet wird (B. Bruneteau benutzt den Begriff „post-totalitär“). Zwischen den Reformisten und der Gesellschaft gibt es wenige Verbindungen, es handelt sich um einen politischen Reformismus. Ab 1972 entwickelt sich die Lage erneut weiter und die DDR nimmt einen besonderen Platz ein, da sie auf internationaler Ebene anerkannt wird. Die Repression erfolgt deshalb nicht mehr durch die Justiz, sondern auf dem Wege einer ständigen Überwachung und Kontrolle durch die Stasi. Es gibt Freiräume, z. B. im Bereich der Kultur, die aber auch überwacht werden. Die Aktionen werden einfalls- und abwechslungsreicher (Samisdat).

 

 

 

Fragen:

Auf die Frage des manchmal übertriebenen Gebrauchs des Begriffs „totalitär“ antwortet B. Bruneteau, dass es neben dem genauen wissenschaftlichen Begriff auch eine soziale Verwendung gibt, die manchmal tatsächlich überstrapaziert wird. Anstelle von „totalitären Regimen“ könnte man in bestimmten Fällen insbesondere von einer „totalitären Situation“ sprechen, und zwar bei Regimen oder Parteien mit einem potenziell totalitären Programm, im Gegensatz zu dem, was B. Bruneteau als „totalitäres Zeitalter“ (Titel seines Buches) von 1918 bis 1945 bezeichnet.

 

Frage der Unterstützung durch einen Teil der Volksmassen: Marie-Anne Matard–Bonucci antwortet in Bezug auf Italien und erwähnt die Dissertation von Renzo de Felice, in der er von einem Konsens Mitte der 30er Jahre spricht (z. B. in Bezug auf Äthiopien, die Sozialpolitik usw.), obwohl Untersuchungen zeigen, dass das Regime die sozialen Unterschiede vertieft hat. Neuere Studien konzentrieren sich nicht darauf, was der Totalitarismus verbietet, sondern darauf, was er erlaubt bzw. auf die Vorteile, die man dem Regime abgewinnen kann (P. Reichel).

 

Bibliographie:

–  ALY, Götz, Comment Hitler a acheté les Allemands : le IIIe Reich, une dictature au service du peuple (Hitlers Volksstaat), 2005

–  BRUNETEAU, Bernard, L’Âge des totalitarismes, idées reçues sur le totalitarisme, 2011

–  BRUNETEAU, Bernard, Totalitarismes : origines d’un concept, genèse d’un débat, 2010

–  BURRIN, Philippe, ROUSSO, Henry, Stalinisme et nazisme: Histoire et mémoire comparées

–  CAMARADE, Hélène, Écritures de la résistance : le journal intime sous le IIIe Reich, 2007

–  DAVIES, Sarah, Popular opinion in Stalin’s Russia 1934-1941, 1997

–  FELICE, Renzo de, Une brève histoire du fascisme

–  FITZPATRICK, Sheila, Le Stalinisme au quotidien. La Russie soviétique dans les années 30, 2002

–  KERSHAW, Ian, La fin. Allemagne (1944 – 1945) (Das Ende. Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45), 2014

–  KERSHAW, Ian, L’opinion allemande sous le Nazisme: Bavière (1933 -1945) (Popular Opinion and Political Dissent in the Third Reich: Bavaria 1933-1945), 2013

–  KOTKIN, Stephen, Magnetic mountain: Stalinism as a civilization, 1997

–  LÜDTKE, Alf, Des ouvriers dans l’Allemagne du XXe siècle. Le quotidien des dictatures, 2000

–  MATARD BONUCCI, Marie-Anne, L’Italie fasciste et la persécution des Juifs, 2012

–  PATIN, Nicolas, La catastrophe allemande 1914 -1945, 2014

–  REICHEL, Peter, La fascination du nazisme (Der schöne Schein des Dritten Reiches), 2011

–  REICHEL, Peter, L’Allemagne et sa mémoire (Politik mit der Erinnerung), 1998

–  SEMELIN, Jacques, Résistance Civile et Totalitarisme, 2011

–  TOOZE, Adam, Le salaire de la destruction, formation et ruine de l’économie nazie (Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy.), 2012