Sich Erinern, Sich Begegnen

Die unterdrückung der homosexuellen während des zweiten weltkrieges in Frankreich, Arnaud Boulligny, 4 Juli 2019

  1. Juli 2019 im Abteilungsarchiv des werten Vortragenden: Arnaud Boulligny

Geschichtsverlauf:

Beispiele: Deportation aufgrund von Homosexualität ≠ Homosexualität in den Lagern

Ein wegen seiner Homosexualität Deportierter ≠ ein Deportierter, der homosexuell ist wie z. B.  Aimée Spitz

Bei dieser Frage ist es wichtig, die Zusammenhänge während des Krieges zu berücksichtigen, da sich die Gesetzgebung, die Regierungen sowie die aktiv Beteiligten der Unterdrückung von Land zu Land unterschieden.

In Deutschland verurteilte der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches ausschließlich männliche Homosexualität, die mit einem Schuldspruch und der Deportation geahndet wurde. Von 100.000 protokollierten Personen wurden rund 50.000 verhaftet und 5-15.000 deportiert.

In Frankreich griff man nach der letzten Verbrennung von Homosexuellen im Jahre 1750 auf die Artikel 330 bis 334 des Code pénal (frz. StGB) zur Verurteilung von Homosexualität zurück. Während des 19. Jahrhunderts galten Homosexuelle als psychisch krank. In der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg wurden sie überwacht und oftmals festgenommen. Doch den Anhängern Philippe Pétains galten diese moderaten Maßnahmen als Symptom des moralischen Zusammenbruchs der Nation. Allerdings gab es bereits in der Dritten Republik strengere: so leiteten die Regierungspräsidenten („préfets“) ab dem 18. November 1939 Schritte ein, die Einweisungen in geschlossene Anstalten zur Folge hatten. Es folgten 10 Tage an Massenverhaftungen (bspw. Cannes und Nizza[1]), die sich gegen „sichtbare“ Homosexuelle und diejenigen richteten, die „offenkundig andersherum“ waren. Rund 40 Menschen wurden in der Zitadelle von Sisteron und dem Fort Barraux inhaftiert. Nach einem Jahr ließ man 2/3 der Gefangenen frei. Doch es wurden neben den drei an Erschöpfung verstorbenen Insassen sechs weitere nach Buchenwald deportiert, jedoch aus politischen Gründen (Roter Winkel).

Die Unterdrückung der Homosexuelle wird in Frankreich durch das Gesetz vom 6. August 1942 verstärkt, denn dieses Gesetz führt zur Änderung des Artikels 334 bzw. zur Ausweitung des Begriffs des Anstoßes gegen die Moral und die Sitten („attentat à la morale“) und ging mit einer härteren Repression der „sichtbaren“ Homosexualität einher.

Beispiel : Abel Bonnart, homosexueller Kultusminister Frankreichs, den man la « gestapette » nannte (eine Wortschöpfung aus „Gestapo“ und „tapette“ (abfällig für homosexuell).

Deutschland führte 1935 eine abgeänderte, weiterentwickelte Version des Paragraf 175 ein, die während des Krieges in Frankreich erprobt wurde. Fälle von schwerwiegenderen homosexuellen Straftaten, belangte man mit einer 10-jährigen Freiheitsstrafe, darunter:

Himmler verurteilte scharf die männliche Homosexualität, da sie der Vermehrung der arischen Rasse im Wege stünde und sogar Geburtenrückgänge zur Folge hätte. Ihm zufolge sei die gleichgeschlechtliche Liebe anerzogen, nicht angeboren, sodass sie in den Lagern behandelbar wäre.

So wurden 35 Personen von deutschen Militärgerichten verurteilt und in Zwangsarbeitslager nach Deutschland deportiert. Haftstrafen von einem Monat bis zu 5 Jahren waren möglich, aufgrund „Flirtens“ mit deutschen Offizieren, was um die Sicherheit des Reiches fürchten ließ (Spionage, Erpressung, …).

Beispiel: Albert Michel, Verurteilung 1943 in Mont Saint Aignan (Normandie).

Ebenfalls Verurteilungen auf den Baustellen der Atlantikwall (aus strategischen Gründen)

12 wurden wegen Homosexualität zu Strafen von mehr als ein Jahr verurteilt und nach Deutschland deportiert.

Gestapo (Sipo SD) : 9 Fälle von Verhaftung mit anschließender Deportation mit dem Roten Winkel

Hugues Lambert : Schauspieler, der 1943 nach seiner Rückkehr von einem Pariser Lokal verhaftet. Inhaftiert in Compiègne- Royallieu und Deportation nach Buchenwald 1943.

In Deutschland wurden von insgesamt 115 Beschäftigten des „Pflichtarbeitsdienstes“ (Service du travail obligatoire) und Kriegsgefangenen…

In der Region Elsass-Mosel war die Unterdrückung sehr gewaltsam (vorrangig im Elsass, mit 390 Fällen: 350 Franzosen und 40 Ausländer gegenüber weniger als 20 in der Mosel). So gab es eine Vielzahl an Maßregelungen:

Von den 350 Fällen  wurden 14 in das Lager Natzweiler verfrachtet, 100 zusammen mit ihren Familien deportiert, 130 befanden sich in Polizeigewahrsam, 120 sind nach Paragraf 175 verurteilt worden, 110 kamen in das Sicherungslager Schirmeck-Vorbruck am Niederrhein (Homosexuelle trugen hier einen blauen Balken) und 12 starben schließlich in Gefangenschaft.

Fazit:

550 französische Staatsangehörige waren von verschiedensten Formen der Repression betroffen.

30 wurden in Konzentrationslager überwiesen, 27 starben während oder durch die Folgen ihrer Gefangennahme.

 

(J. Langlois)

[1] Die genauen Datumsangaben dieser Razzien habe ich nicht finden können.

Deutsch-französisches Seminar – Januar 2018

commémoration journée du souvenir janvier 2018; élèves franco-allemands, mémoire

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2018 in Magdeburg (Sachsen-Anhalt): die Erfahrung von 40 französischen und deutschen Schülern

Von Donnerstag, dem 25. Januar 2018, bis Samstag, dem 27. Januar 2018, trafen sich 21 französische Schüler aus Sekundarschulen sowie allgemeinen, fachbezogenen und landwirtschaftlichen Gymnasien der Region Centre-Val de Loire mit 19 deutschen Schülern aus dem Land Sachsen-Anhalt in Begleitung ihrer Lehrer, um über den Sinn der Gedenkveranstaltungen für die an den Juden und Zigeunern während des Zweiten Weltkrieges begangenen Völkermorde nachzudenken.

Dass diese Veranstaltung stattfinden konnte, ist der seit fünf Jahren existierenden Partnerschaft zwischen den beiden Regionen zu verdanken. In diesem Rahmen und mit Unterstützung durch das Gedenkstättenmuseum CERCIL für die Kinder des Wintervelodroms werden Treffen zwischen französischen und deutschen Lehrern und Schülern zum Thema der Völkermorde und ihrer Verhinderung durchgeführt.

Der Gedankenaustausch zwischen den Schülern begann mit Workshops, in deren Verlauf die Jugendlichen ihre Kenntnisse über die Völkermorde vertieften (Studium von Einzelschicksalen mit Beispielen aus Sachsen-Anhalt und den Lagern in Pithiviers und Beaune-la-Rolande, Besuch der Gedenkstätte Bernburg, die zu den Einrichtungen gehörte, in denen die Euthanasieaktion T4 an geistig kranken Deutschen im Jahre 1941 durchgeführt wurde, Begegnung mit einem deutschen Fotografen, der mit Überlebenden gearbeitet hatte) und über die Geschichte und die Möglichkeiten ihrer Weitergabe nachdenken konnten. Am 27. Januar führten die Schüler auch Gedenkaktionen durch.

Dieser Tag des 27. Januar war der Besinnung und dem Gedenken gewidmet. Es wurden Gedichte und Lebensläufe von Verstorbenen an den Stolpersteinen verlesen, die an das Leben dieser Personen in Magdeburg erinnern. Dazwischen spielten Schüler kleine Musikstücke. Dann wurden Blumen niedergelegt und Schweigeminuten durchgeführt. Diese besinnlichen Augenblicke fanden dann ihre Fortsetzung im Landtag, wo eine offizielle Zeremonie zum Gedenken an die Völkermorde stattfand. Auch dort erfolgte eine enge Verknüpfung von Geschichte und Gedenken, wodurch das Wissen der französischen und deutschen Schüler über die Vergangenheit in multikultureller Weise und unter dem Zeichen der Freundschaft weiter vertieft wurde.

(Autorin: Christine Blet)

Die Befreiung der Lager, Annette Wieviorka, Blois, Oktober 2015

Vortrag, der im Rahmen der Veranstaltung „Rendez-vous de l’Histoire“ im Oktober 2015 in Blois aufgezeichnet wurde.

http://www.rdv-histoire.com/edition-2015-les-empires/la-liberation-des-camps

Eine deutsch-französische Reise auf den Spuren des Holocaust

Vom 1. bis 9. April 2017 unternahmen Schüler des Gymnasiums Pithiviers (Loiret) und von drei Gymnasien des Landes Sachsen-Anhalt (Dessau, Magdeburg und Schönebeck) eine Reise in Deutschland und Polen auf den Spuren des Holocaust. Dieses Projekt wurde unterstützt durch die Stiftung zur Erinnerung an die Shoah, die Region Centre-Val de Loire, das Land Sachsen-Anhalt, das deutsch-französische Jugendwerk und das Gedenkstättenmuseum CERCIL für die Kinder des Wintervelodroms. Der nachfolgende Artikel verfolgt das Ziel, den Gesamtumfang, die Ursprünge, die Zielstellungen und den Ablauf des Projekts darzustellen und gleichzeitig eine erste Bilanz zu ziehen, insbesondere in Bezug auf die Vermittlung des Holocaust in den beiden Ländern.

Ursprünge und Zielstellungen

Das Projekt ist Teil des Programms „Sich erinnern, sich begegnen“, das das Ziel verfolgt, die Vermittlung des Holocaust in Frankreich und in Deutschland zu vergleichen. Einige Zielstellungen dieses Projektes waren für alle Schüler gleich, andere wurden spezifisch festgelegt.

Zielstellungen für die französischen Schüler

Ÿ  Durchführung geschichtsbezogener Arbeiten zum Begriff der Erinnerung und Abschluss des Themas „Der Historiker und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg“.

Ÿ  Arbeiten auf dem Gebiet der moralischen und staatsbürgerlichen Erziehung zum Thema „Biologie, Ethik, Gesellschaft und Umwelt“ anhand der Rolle der Ärzteinnung in der Aktion T4 und darüber hinaus bezüglich der europäischen Staatsbürgerschaft.

Ÿ  Unterstützung der Schüler bei Fortschritten in der Praxis der lebenden Sprachen, hier bezüglich der englischen Sprache (da in dieser Klasse kein Deutschunterricht erteilt wird). Zum Programm der Abschlussklasse gehört die Beschäftigung mit der Shoah im Rahmen der Thematik „Gründungsgesten und Welten in Bewegung“ über die Begriffe „Orte und Formen der Macht“ und „Räume und Austausch“ sowie das Prisma der Gebiete von Geschichte und Geographie und der Glaubensrichtungen und Repräsentationen.

Ÿ  Teilnahme an der staatsbürgerlichen Bildung durch Überlegungen zur Erinnerung, aber auch zum Image.

 

 

Zielstellungen für die deutschen Schüler

Ÿ  Die historischen Arbeitstechniken sollen ausgebaut werden und die Gedächtnisgeschichte für den Zeitraum 1933 bis 1945 gefestigt werden.

Ÿ  Die Moralerziehung und die Fachkenntnisse in den Bereichen Biologie, Ethik, Sozialkunde sollen vertieft werden, indem sich die Schüler mit der Aktion T4 und den Auswirkungen auf die europäische Bevölkerung beschäftigen.

Ÿ  Die Schüler sollen ihre Sprachkenntnisse erweitern (für die französischen Schüler englisch, für die deutschen Schüler französisch und englisch). In den Lehrplänen beider Länder ist das Thema „Shoah“ für die 12. Klasse vorgesehen.

Ÿ  Die Reise soll dazu beitragen, die Schüler in ihrem Demokratieverständnis zu stärken. Darüber hinaus soll auch das Selbst- und Fremdbild ihrer Nation durch die Bearbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus wahrgenommen und im Sinne eines europäischen Friedensprozesses erweitert und so auch die deutsch-französische Freundschaft gestärkt werden.

Teilnahme an der Herausbildung eines europäischen Bewusstseins, einer europäischen Staatsbürgerschaft durch Austausch zwischen den Schüler und mit polnischen Jugendlichen. Öffnung der Schüler durch Kontakte mit anderen europäischen Jugendlichen und durch das Kennenlernen anderer Länder.

Ablauf

Die Ausgangsidee für die Arbeit in Bezug auf verschiedene Formen und Arten der Erinnerung bestand darin, in Etappen vorzugehen, von den Ursprüngen und den vorbereitenden Aktionen des Holocaust bis zu dessen Umsetzung, nach dem Besuch der relevanten Orte:

Ÿ  Gedenkstätten der Aktion T4, mit welcher der Holocaust vorbereitet wurde, sowohl bezüglich der Mordtechniken als auch hinsichtlich der ideologischen Grundlagen,

Ÿ  Entscheidungsorte in Deutschland, in Berlin, wo der Holocaust beschlossen und von wo aus er geleitet wurde,

Ÿ  erste Orte der Umsetzung mit der Schaffung von Ghettos und der Isolierung der Juden,

Ÿ  Vernichtungsorte.

Vor Beginn der Reise arbeiteten die Schüler von Pithiviers an einer Reihe von Fragen, wobei das Ziel darin bestand, sie vor Beginn der Reise mit den entsprechenden historischen Kenntnissen über die zu besuchenden Orte auszustatten und ihnen zu vermitteln, was dort geschehen war, damit sie dann vor Ort leichter arbeiten und sich durch Beobachtung der Darstellungsformen, Denkmäler usw. Fragen stellen konnten.

Ÿ  Im Fach moralische und staatsbürgerliche Erziehung begannen die Schüler an diesem Thema zu arbeiten, insbesondere durch persönliche Recherchen zur Aktion T4 und durch die Arbeit mit Ausschnitten des Films „Amen“ von Costa-Gavras.

Ÿ  Außerdem beschäftigten sie sich mit der Geschichte der verschiedenen Besuchsorte.

Ÿ  Sie nahmen auch an einer Schulung zum Thema „Fotografie von Gedenkorten“ unter Leitung von Christian Gattinoni teil.

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